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Die Seduktionstheorie ist eine neuere Strömung der Filmtheorie. Sie definiert das Medium Film im weiteren Sinne als ein Medium der Verführung. Der Begriff 'seduction' im Kontext der Filmtheorie taucht erstmals auf bei Dianne Hunter in "Theory and seduction" (1989) und Patrick Fuery in "New Developments in Film Theory" (2000) und wurde differenziert von Marcus Stiglegger in dem Buch "Ritual & Verführung. Schaulust, Spektakel und Sinnlichkeit im Film " (2006).

Definition

Die Seduktionstheorie des Films nach Stiglegger (2006) geht von zwei Prämissen aus, die als elementare Eigenschaften des narrativen Kinos begriffen werden: Erstens ist Film selbst Verführung; einen Film zu sehen, bedeuten, von ihm verführt zu werden. Und zweitens bleibt Film immer ein phantomhaftes Medium, ein temporäres ‚Lichtspiel’ auf der Leinwand oder dem Bildschirm, das sich einem materiellen Zugriff entzieht. Der aus den philosophischen Schriften von Jean Baudrillard abgeleitete Begriff der Seduktion (franz. séduction) bezeichnet Verführung in einem grundsätzlichen Sinne als Manipulation oder Suggestion, die der Filmzuschauer erfährt. Entwickelt hat Baudrillard sein Modell der ‚séduction’ in „L’Èchange symbolique et la mort“ (1976) und „De la séduction“ (1979), wo er mediale Kommunikationsprozesse als ein seduktives (verführerisches) Spiel beschreibt.

Drei Stufen der Seduktion im Film

Für das Medium Film lässt sich die Seduktion auf drei Stufen nachweisen: In einem ersten Schritt verführt der Film zu sich selbst, um letztlich das Interesse des potentiellen Zuschauers zu wecken. Auf dieser Ebene, die auch den Trailer, die Promotion und Aspekte wie Besetzung, Budget und Genre umfasst, wird die Erwartung und das Begehren des Zuschauers stimuliert.

Auf der zweiten Ebene der Seduktion kann der Film eine spezifische Aussage propagieren. Das gilt sowohl für den expliziten ideologischen Propagandafilm wie auch für Filme mit leicht durchschaubaren polaren Erzählmustern, die sich in eindeutigen Zuweisungsstrukturen erschöpfen. Zahlreiche kommerzielle Hollywoodproduktionen arbeiten mit der Favorisierung einer spezifischen Aussage, die dem Zuschauer nahegelegt wird (etwa der affirmative Militärfilm "Top Gun", 1985, von Tony Scott).

Die erst durch eine seduktiontheoretisch fundierte Analyse eruierbare dritte Ebene der Seduktion verdeutlicht, wie der Film zu einem verdeckten Ziel verführt, das in der Metaebene verborgen liegt. Hier werden subtile Aspekte wie spezifische Begehrensstrukturen deutlich, die Schlüsse auf ideologische Subtexte zulassen. Während die beiden ersten Ebenen der Seduktion recht leicht erkennbar sind, stellt die dritte Ebene die tatsächliche Herausforderung an den Zuschauer dar, den das Ziel der Seduktion – wie der Verführung allgemein – ist es, diesen gegen seine vermeintlich gefestigte Position vom vertrauen Weg abzubringen. Die filmischen Mittel und Ebenen der Seduktion im Film liegen auf der Ebene der Performanz: Bewegung, Körper, Sinnlichkeit, also Sexualität, Kampf, Choreographie. Zweitens sind sie im Bereich der Narration zu finden, als epische Erzählung oder verdeckte Mythologie. Und drittens liegen sie auf der ethischen Ebene, etwa indem der Zuschauer einem Ambivalenz-Erlebnis ausgesetzt wird. Mittel dieser Feinanalyse ist die dichte Beschreibung des filmischen Zeichensystems, die durch hermeneutische Neubetrachtung jeweils verfeinert wird. Ziel ist es, die seduktiven Strukturen, die in der Inszenierung angelegt und verdeckt wurden, offenzulegen.

Resonanz der Seduktionstheorie

Der Vorzug der Seduktionstheorie ist es, eine nicht-normative Betrachtung unterschiedlichster Filme zu begünstigen, den Erkenntnisgewinn zu maximieren und so an einer Überwindung des Kanon-Denkens zu arbeiten. Nationale Herkunft des Werkes, Entstehungsepoche oder generische Eigenarten stellen nur noch beachtenswerte Nebenaspekte dar, während die Analyse dem spezifischen Werk gewidmet ist und sich an dessen selbst gesetzten Intentionen orientiert. So ist mit dem dreistufigen Seduktionsmodell auch ein Gewinn für die Analyse marginalisierter generischer Filme (Genretheorie, porn studies, cinematic body theory) verknüpft. Allerdings lassen sich auch aus der Seduktionstheorie keine allgemeingültigen Schlüsse im Sinne einer Rezeptionstheorie ziehen, wohl aber bezüglich der Erforschung von schwer oder nicht intellektualisierbaren filmischen Phänomenen: im Bereich extremer Affekte wie Lust, Ekel, Angst und Grauen. Die Seduktionstheorie ist vor allem hilfreich bei der Untersuchung eines performativen Kinos, wie es sich in der letzten Dekade in zwei Varianten ausgeprägt hat: als kommerzielles Eventkino (etwa im 3D-Bereich) oder andererseits als radikaler Schritt hin zu einem cinéma pur, wie es bereits in den 1930er Jahren gefordert wurde. Diese Theorie wird in der Medienwissenschaft der Universität Siegen und an der Filmwissenschaft der Universität Mainz gelehrt. Auch auf Computerspiele lassen sich diese Thesen anwenden, wie u.a. im Kontext des Forschungsprojekts 'Emotional Gaming' von Jörg von Brincken und Horst Konietzny an der Ludwig-Maximilians-Universität München erprobt.

Bibliografie

  • Christoph Ernst, Petra Gropp, Karl Antion Sprengard (Hrsg.): Perspektiven interdisziplinärer Medienphilosophie, Bielefeld: Transcript 2003, ISBN 3899421590
  • Patrick Fuery: New Developments in Film Theory, New York 2000, ISBN 0312236182
  • Stefan Günzel, Michaela Ott und Walter Seitter (Hrsg.): Baudrillard fassen. Tumult. Schriften zur Verkehrswissenschaft, Bd. 34, Berlin: Alpheus 2009, ISBN 3981121490
  • Dianne Hunter (Hrsg.): Seduction and theory: readings of gender, representation, and rhetoric, Champaign: University of Illinois Press 1989, ISBN 0252016262
  • Marcus Stiglegger: Ritual & Verführung. Schaulust, Spektakel und Sinnlichkeit im Film, Berlin 2006, ISBN 3865053033

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